

Ich laufe auf dieser Welt nicht ewig herum.
Zwischen der Ewigkeit vor meiner Geburt und der Ewigkeit nach meinem Tod
habe ich genaumeine zeit, auf unserem kleinen Planeten zu parken.
Ich habe meine Parkuhr.
Ich kann den Zeiger nicht zurückstellen.
Ich kann in meine Uhr kein Geld stecken und sie Länger laufen lassen.
Meine Parkzeit ist unerbitterlich begrenzt.
Es gibt keine Behörde, die etwas für mich tun kann.
Mein Leben ist wie mein Name, den ich den Sand an der See schreibe,
ein kleiner Wind, und alles ist verweht.
Was nun?
Eins ist sicher zu sagen: nicht traurig sein, vielmehr probieren, in der Sonne zu parken und nicht im Wespennest der jagenden, zernagenden Sorgen.
Den Tag schön machen.Begeistert sein vom Licht, von der Liebe von den guten menschen und den guten Dingen.
Freundlich sein und herzlich zu dem alten Mann, der weiß, daß seine Parkuhr abgelaufen ist, zu den Kranken, den Behinderten, den Enttäuschten, den Betrogenen und den vielen Unglücklichen, die keinen Platz mehr an der Sonne fanden.
Ihnen und allen Menschen um mich herum den Tag schön machen.
Mehr brauche ich eigentlich nicht zu tun, um selber glücklich zu sein.
In der Sonne parken
und die Parkuhr laufen lassen.

Ein Bild
Tagesschau, abends im Fernsehen.
Ein Bild trifft mich wie ein Schlag.
Ein Bild mitten unter den gewohnten Bildern
von Krieg und Katastrophen,
kurz vor den Sportnachrichten.
Ein Bild, das so dazwischen kam, nur ganz kurz.
Ein Bild aus einem reichen Land
mit reichlichen sozialen Sicherungen,
durch die für jeden gesorgt ist
von der Wiege bis zum Grabe.
Ein Bild aus Schweden.
Ich sah: ein alter Mann lag auf dem Bürgersteig.
Ich sah: Menschen gingen an ihm vorbei.
Ein Reporter sagte,
daß der Mann schon Stunden da gelegen hätte.
Keiner hat sich nach ihm umgesehen.
Schließlich kam ein Polizeiwagen.
Der Mann war tot.
Das Bild läßt mich nicht los.
Das Bild einer zerfallenden, toten Kultur.
Hat keiner den Mann hinfallen sehen?
Warum hat ihm keiner aufgeholfen?
Das ist in aller Öffentlichkeit
Mord aus Gleichgültigkeit.
Oder war dieser Mensch für seine Mitmenschen schon lange tot?
Wenn ich übersättigt bin,
erstarren meine Augen
und versteinert mein Herz.
Konsum, Reichtum, Luxus
im höchsten Grad -
und ich sterbe als Mensch.

Der Friedhof voll weißer Chrysanthemen.
Der Tod in Weiß.
Einen Augenblick lang sind die Toten und die
Lebenden zusammen an demselben Ort.
Sie suchen einander, sie denken aneinander und können
einander nicht erreichen.
Irgendwo eine entsetzliche Ohnmacht,
eine unheimliche Auseinandersetzung.
Mit einem Mal denke ich an den Tod, ein bißchen zaghaft und beklommen
Angst vor dem Tod und Freude am Leben - so dicht beieinander.
Der Tod ist der rücksichtslose Spielverderber,
der alles Vergnügen verseucht, der alle Sicherheit zernagt und das Organ
abdreht, mit dem ich meine Lebensfreude einatme.
Keiner weiß Rat mit dem Tod.
Auch die Wissenschaft nicht.
Man schweigt, man vergißt.
Der Verkehr geht schnell weiter,
wenn der Leichenzug vorbei ist.
Aus meinem Denken darf ich die Gedanken an den Tod nicht ausräumen.
Das ist Vogelstraußpolitik.
Alles läuft letztlich auf die Frage hinaus:
Ist der Tod das Ende oder nicht?
Wenn der Tod das Ende ist, dann ist mein sterben eine vernichtende Hinrichtung.
Wenn der Tod nicht das Ende ist, dann bekommt er eine unermeßliche neue Dimension.
Dem Tod gegenüber, diesem kritischen Moment meines lebens,
durch den ich hindurch muß,mutterseelenallein, stehe ich vor der Frage:
Alles oder nichts, Sinn oder Unsinn des lebens,Gott oder unendliche Leere.
Das Geheimnis von Leben und Tod hängt zusammen mit dem Geheimnis von Gott.
Solange mein eigenes unverwecheslbares Ich keine befriedigende
Erklärung findet in der Physik, der Chemie oder Biologie,
finde ich für Gott keine Lösung im Sinne der Naturwissenschaften.
Ich halte nur eins in meinen Händen, und das ist die Hoffnung!
Bis zu meinem letzten Atemzug gibt mir die Hoffnung
Freude am Leben.
